Nach der ersten Gestaltung des Bauzauns mit dem politischen Plakate-Statement von Hans Haacke fand 2022 ein Wettbewerb zur weiteren künstlerisch-grafischen Bespielung statt. Ziel war, dass der Bauzaun eine Auseinandersetzung mit Themen des Ortes und den Kunstsammlungen des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. In dem von Neuer Nationalgalerie und Kunstbibliothek organisierten eingeschränkten Wettbewerb wählte eine Jury, bestehend aus fünf Vertreterinnen der Museen am Kulturforum, drei Entwürfe aus.

Der erste Preis ging an Ariane Spanier. Ihr Entwurf „Borders“ gelangte 2023 zur Ausführung.

"BORDERS"

Rund 60 Denksprüche ziehen die Grenzlinie der Baustelle in einem Band aus Buchstaben nach. Ariane Spanier sammelte Redewendungen und Zitate aus Presse, Musik oder Literatur bis hin zu Motivationsslogans, die auf Social-Media geteilt werden. Sie veränderte die Texte durch den Begriff „Grenze“/“Border“ so, dass sich neue Aussagen ergaben – mal engagiert, mal kritisch-ironisch, mal lyrisch. Die Sinnsprüche beziehen sich auf unterschiedlichste Arten von Grenzen: territorial, politisch, individuell. So entstehen Mehrdeutigkeiten, die nachdenklich machen, aber auch irritieren können.

Welche Grenze, wessen Grenze?

Die Frage weist auch in die Geschichte des Ortes zurück, befindet sich die Baustelle doch im ehemaligen Grenzgebiet. Am nahen Potsdamer Platz verlief noch vor rund 35 Jahren die Mauer, die Berlin in eine Ost- und eine Westhälfte teilte.

Die Sammlung der Nationalgalerie, die in dem Neubau hinter dem Bauzaun ausgestellt sein wird, umfasst eine große Anzahl und Vielfalt an nationalen und internationalen Kunstwerken aus dieser Zeit der deutschen Teilung. Dies gilt auch für die Sammlungen der Kunstbibliothek und des Kupferstichkabinetts, die hier ihre Arbeiten auf Papier, Werke der Buch- und Plakatkunst, Archivalien und Modelle aus dem 20. Jahrhundert präsentieren werden.

Gehören Grenzen und Irritation nicht unweigerlich zusammen? Grenzen zieht, wer etwas schützen will: eigene Ideen, sich selbst, andere Menschen, Besitz, Territorien. Grenzen sucht, wer sie überschreiten will: aus Ehrgeiz, Neugier oder dem Wunsch nach Bewusstseinserweiterung, aber auch aus Verzweiflung, Überlebenswillen oder Aggression. Wann ist die Grenze gut, wann ist sie schlecht? Die Antworten sind selten eindeutig, sie hängen vom Blickwinkel ab.

In der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts geht es immer wieder darum, Grenzen zu hinterfragen und zu durchbrechen, individuelle Grenzerfahrungen sichtbar zu machen und Diskurse anzustoßen. BORDERS ist daher gerade hier und jetzt relevant: Als ambivalente Phänomene, historisch und kulturell aufgeladen, genuin politisch und allgegenwärtig, definieren Grenzen unsere Welt, sie fordern heraus und verhindern, sie markieren – gewollt oder ungewollt – Anfang, Übergang und Ende.